Kapalabhati & der Sauerstoff Mythos

Posted: Juni 25, 2017 By: Comment: 0
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WARUM DER SCHÄDEL WIRKLICH LEUCHTET

Kapalabhati und der Sauerstoff-Mythos

Kapalabhati – das sogenannte Schädel-Leuchten – wird im modernen Hatha-Yoga als Pranayam praktiziert. In der Hatha-Yoga-Pradipika ist die Technik mit Fokus auf eine schnelle Ausatmung indes als Reinigungsübung (Kriya) beschrieben.

In Yogastunden und in verschiedenen Quellen wird manchmal darauf hingewiesen, dass diese Atemtechnik den Sauerstoffgehalt im Blut erhöhen würde. Dabei handelt es sich um einen Yoga-Mythos! Was aus (rein) physiologischer Sicht genau im Körper beim Schädel-Leuchten-Üben passiert, durchleuchten wir in diesem Artikel!

Warum der Schädel aus physiologischer Sicht wirklich leuchtet - das sehen wir uns in diesem Beitrag an
Warum der Schädel aus physiologischer Sicht wirklich leuchtet – das sehen wir uns in diesem Beitrag an

Normaler Atemrhythmus und Sauerstoffverbrauch
In Ruhe atmen wir normalerweise 10 bis 14 mal pro Minute. Dabei atmen wir vor allem Sauerstoff (O2) ein und Kohlenstoffdioxid (CO2) aus. Unter normalen Umständen hat der Körper einen hohen Anteil an Sauerstoff im Blut, nämlich in etwa 97-98%.
Der Sauerstoffverbrauch des Körpers variiert – je nach muskulärer Aktivität, Stoffwechsel und Herzfrequenz. Ungefähr 75% des Sauerstoffs, der in Ruhe eingeatmet wird, wird wieder ausgeatmet ohne „verwendet“ zu werden. Unter maximaler Belastung werden immerhin noch 25% des eingeatmeten Sauerstoffs nicht verbraucht.

Was reguliert unseren Atem?
Es ist vor allem das Level an Kohlenstoffdioxid, das den Atem reguliert, nicht der Sauerstoffgehalt im Körper! Ein hohes Aktivitäts-Level führt zu einem höheren CO2-Gehalt, was wiederum den Sauerstoffbedarf erhöht. Andersherum führt ein niedriges Aktivitätslevel zu einem niedrigeren Kohlenstoffdioxidgehalt, und in der Folge zu einem niedrigeren Sauerstoffbedarf. Entsprechend wird der eingeatmete Sauerstoff verbraucht. Atemübungen mit der Intention durchzuführen, den Atem so zu regulieren, dass mehr Sauerstoff eingeatmet wird, ist daher schlichtweg ein Mythos.

Wirkungen des Kapalabhati hinsichtlich der Atemgase
Was passiert denn nun mit den Atemgasen O2 und CO2 wenn wir Kapalabhati üben?
Das schnelle Atmen führt dazu, dass der Körper mehr Kohlendioxid aus dem Blut in die Lungen zieht, um das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Lunge auszugleichen bzw. stabil zu halten. Entsprechend wird mehr CO2 abgeatmet. Der Kohlenstoffdioxid-Spiegel im Blut sinkt daher.
Medizinisch ganz genau formuliert: Durch die Hyperventilation kann sich eine respiratorische Alkalose durch die vermehrte Abatmung von CO2 ergeben. In ihrer Folge kommt es zu einer Hypokapnie, also einem Mangel an Kohlendioxid im Blut.

Und warum leuchtet nun der Schädel?
Da es das Kohlenstoffdioxid-Level im Blut ist, das den Hauptmotor unserer Atmung darstellt, liegt es nahe, dass auch die Wirkungen des Kapalabhati-Übens im veränderten CO2 Spiegel begründet liegen. Und genau das ist auch der Fall:

Die bewusstseinsverändernden Folgen des schnellen Atmens sind eben nicht durch mehr Sauerstoff begründet – Kapalabhati und andere Formen schnellen Atmens VERRINGERN vielmehr den Sauerstoff-Fluss zum Gehirn. Die Hirngefäße reagieren nämlich auf den niedrigeren CO2 Gehalt im Blut mit einer Tonussteigerung. Das heißt, die Gefäße im Gehirn stellen sich enger (Vasokonstriktion) und weniger Sauerstoff kommt im Gehirn an.

Genau andersherum läuft es bei Ujjayi & Co: Die Erhöhung des CO2 Gehalts beim langsamen Atmen führt zu einer Erweiterung (Dilatation) der Blutgefäße im Gehirn und damit zu mehr O2 dort.

Links: Wirkungen von Atemübungen mit einem langsamen Rhythmus (z.B. Ujjayi). Rechts: Wirkungen beim hochfrequenten Atem (z.B. Kapalabhati).
Links: Wirkungen von Atemübungen mit einem langsamen Rhythmus (z.B. Ujjayi).
Rechts: Wirkungen beim hochfrequenten Atem (z.B. Kapalabhati).

 

Besonders betroffen scheinen das Frontalhirn sowie Teile des Parietallappens zu sein. Misst man Gehirnwellen mittels EEG (Elektroenzephalografie), zeigt sich unter Hyperventilation eine Verlangsamung der Gehirnwellen – vor allem im Frontalhirn.

Frontallappen des Gehirns
Frontallappen des Gehirns

Die Aktivitäts-Minderung des Frontalhirns scheint mit dem Auftreten veränderter Bewusstseinszustände einherzugehen, die häufig auch beim Kapalabhati-Üben beschrieben werden – z.B. der Empfindung leichter Benommenheit sowie Schwindel.

Der Schädel leuchtet also nicht, weil er mehr Sauerstoff abbekommt, sondern weil er im Gegenteil weniger O2 abkriegt!

Bei Ujjayi ist es wieder genau anders herum: Die Folgen wie ein Gefühl der Ruhe und gesteigerte Aufmerksamkeit stemmen vom erhöhten Sauerstoffspiegel im Gehirn.

Was bedeutet das für meine Praxis?
Zunächst einmal: gar nichts! Du solltest dir schlichtweg bewusst sein, dass du deinem Hirn mit Kapalabhati keine Sauerstoff-Dusche gönnst, wie es manchmal vermittelt wird.

Zu dieser Erkenntnis gehört folgende Minus-Seite der Gleichung: Der erhöhte CO2-Spiegel kann den Blutfluss zu verschiedenen Teilen unseres Organsystems reduzieren (z.B wurde das in Studien für Haut, Leber, Skelettmuskulatur und Magen-Darm-Trakt beschrieben) sowie Blutdruck und Herzfrequenz erhöhen. Du kannst aber andererseits auch positiv Einfluss auf deinen pH-Wert nehmen (zumindest kurzfristig). Das ist natürlich die rein physiologische Betrachtungsweise.

Aus meiner persönlichen Sicht aber viel wichtiger (und das, was Kapalabhati bzw. Yoga von reinen Atemübungen unterscheidet): Kapalabhati eröffnet dir eine ganz andere Atemerfahrung als dein „herkömmlicher“ Atemrhythmus. Du erweiterst das Gefühl und Gespür für deine Atmung – und damit auch für dein Nervensystem, zu dem du über die Atmung gezielt Zugang bekommst. Neben diesen physiologischen und Achtsamkeits-orientierten Argumenten gibt es aber sicher noch eine lange Liste energetischer Aspekte – die wiederum einen eigenen Blog benötigen würden und deshalb an dieser Stelle nicht weiter beleuchtet werden.

Egal aus welcher Perspektive, am aller wichtigsten ist wohl: INHALE. EXHALE. REPEAT.
Dann kommt das Leuchten – vor allem in deinen Augen – ganz von selbst!

 

Wenn du mehr dazu lesen magst:

Black, M. (2015): Centered – Organizing the Body through Kinesiology, Movement Therapy and Pilates Technique. Handspring Publishing, Edinburgh.

Sassinek, T. (2010): Effekte lang anhaltender, willkürlicher Hyperventilation auf Blutgase, Hirnperfusion und Bewusstsein: Eine funktionelle Magnetresonanztomographie-Studie mit Arterial-Spin-Labeling-Technik. Dissertationzur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin, Justus-Liebig-Universität Gießen

 

Die anatomischen Illustrationen wurden mir freundlicherweise von Kenhub zur Verfügung gestellt. Kenhub ist eine Online Lernplattform für Anatomie & Histologie. Hier kannst Du dich / können Sie sich kostenlos registrieren.